Als im akademischen Sinn studierte Literatin mit schwerer Depression spüre ich schon unmittelbar bei der Wahl des Titels sowie der Formulierung dieses ersten Satzes, wie meine zu hohen Erwartungen an mich selbst unmittelbar mit dem ersten Buchstaben einsetzen und mit jedem Wort weiter ansteigen: Klingt der Titel „Mein leuchtender Schatten“ abstrakt genug? Oder ist dieses einfache Oxymoron zu unliterarisch, um sich als origineller Titel für mein schriftliches Vorhaben zu qualifizieren? Oder sind diese Gedanken etwa einfach nur ein Zeichen dafür, dass ich noch trotz langer verhaltenstherapeutischer Arbeit weit davon entfernt bin, selbstschädigende Verhaltensweisen abzulegen und mich nicht immer wieder selbst stark unter Druck zu setzen? Ich könnte mich jetzt dem Tipp einer Therapeutin folgend, den ich und meine Mitgrübler und Mitgrüblerinnen während eines dreimonatigen Klinikaufenthaltes in einer Gruppentherapiesitzung erhielten, für einen festgelegten Zeitraum in meinen selbst ernannten ‚Grübelstuhl‘, dem einzigen Ort, an dem das Grübeln für Übergrübler wie mich erlaubt ist, setzen und über die Wahl des Titels weiter nachgrübeln oder meinen „leuchtenden Schatten“ zum Titel auserkiesen, weil die Depression genau dieser für mich ist: ein leuchtender Schatten.
©fragmentemeinerdepression
Halten wir den Titel also so simpel und kompliziert, wie die Depression es selbst ist. Ganz simpel auf den Punkt gebracht: Wenn du so schwer depressiv bist wie ich, dann geht’s dir manchmal scheiße und du weinst auf einmal los ohne Grund. Oder du fühlst ‘ne Zeit lang einfach gar nichts und weil du dann so faul im Bett rumliegst, fühlst du dich anschließend doppelt scheiße, aber weißt dann auch nicht so genau, warum. Manchmal ist die Depression aber auch überwältigend kompliziert: Dann manifestiert sich deine depressive Symptomatik in einem Spannungsfeld aus emotionaler Dysregulation und affektiver Leere. In Phasen intensiver, scheinbar grundloser Traurigkeit beobachtest du eine Reduktion deines Antriebsniveaus, die zu einem ausgeprägtem Rückzugsverhalten und psychomotorischer Inaktivität führt. Die kognitive Dissonanz zwischen deiner Handlungsunfähigkeit und deinen internalisierten Leistungsansprüchen führt zum stetigen Anstieg deiner Traurigkeit und letztlich zur subjektiv empfundenen Machtlosigkeit. So in etwa fühlt sich eine schwere Depression an, wenn man irgendwie erläutern möchte, wie sich ‚sowas eigentlich anfühlt‘. Wenn man denn überhaupt irgendetwas fühlt.
Wenn man mich vor etwa dreißig Monaten nach meiner Bucket-List gefragt hätte und ich heute reflektieren müsste, was ich davon erreicht habe, dann müsste ich mir eingestehen, dass ich von diesen sechs imaginären Lebenszielen kläglicher Weise nur einen Punkt erfüllen konnte. Der aktuelle Status quo ist also meilenweit entfernt von der imaginären sechs Punkte beinhaltenen Bucket-List, die ich vermutlich vor dreißig Monaten noch geschrieben hätte. Das erste Mal im Leben ist mein nach Perfektion strebendes Wesen aber äußerst zufrieden damit, etwas nicht erreicht zu haben.
Mein leuchtender Schatten hat es mir möglich gemacht, mich äußerst genau und intensiv mit meinen eigenen Erwartungen an das Leben, meine eigenen Erwartungen an mich selbst, auseinanderzusetzen. Ohne ihn würde ich mich niemals so gut kennengelernt haben und kennen, wie ich es heute tue. Heute wäre es mein absoluter Albtraum, dieses in der Vergangenheits-Bucket-List beschriebene Leben zu führen, in dem ich mich ja nicht einmal selbst zu kennen scheine. Die Depression, mein härtester Sparringsgegner, dem ich jemals begegnet bin, entpuppte sich unvorhersehbar als große Chance, mich ein Mal in meinem ganzen Leben so intensiv mit mir selbst auseinanderzusetzen, mich neu kennenzulernen und Positiveres und Gesünderes daraus erwachsen zu lassen, als es je zuvor möglich gewesen wäre. An dieser Stelle danke ich meiner Depression, dass sie es mir erlaubte, nach dem Schatten ein Leuchten wie nie zuvor spüren zu dürfen.
Hinterlasse einen Kommentar