Ich sehe mich, so darf die Welt mich auch endlich sehen

Der Text entstand kurz bevor ich mich dazu entschieden habe, meine Texte öffentlich zugänglich zu machen.

Ich sehe mich,
so darf die Welt mich auch endlich sehen.

 
Hast du dir schon einmal selbst länger als eine Minute in die Augen gesehen? Ein freier, entschleunigter Morgen an einem Tag ohne Verpflichtungen kann schonmal dazu führen, dass ich erst um 16 Uhr fertiggemacht bin. Früher konnte ich anderen Menschen kaum, geschweige mir selbst lange in die Augen sehen. Ich ertrug es nicht, verschloss mich dem Blick in meine eigene Seele. Irgendwann sah ich mal im Reality-TV (keine Ahnung mehr, wie die Serie hieß – das war noch in Zeiten meines übermäßigen Trash-TV-Konsums und meiner nun erloschenen Liebe für Trash-Gossip), wie die Teilnehmerinnen dieser Show dazu angehalten worden sind, sich selbst zwei Minuten in einem Spiegel in die Augen zu schauen. Gespannt schaute ich ihrem mich in den Bann ziehenden Prozess der Selbstreflexion zu. Die Mienen der Selbstreflektierenden schauten zunächst angestrengt, entspannten sich, wirkten angespannt und konnten zuletzt die Tränen kaum zurückhalten. Sie beschrieben das, was sie erlebten, als sehr emotionale, fast schon spirituelle Erfahrung mit sich selbst. Sie hätten sich selbst gesehen!

Weil mein Zugang zu meinen Emotionen aufgrund von Traumata (zu diesen aber später) zu diesem Zeitpunkt stark beeinträchtigt war, ich mich aber auf der anderen Seite sehr stark nach intensiven Gefühlen – vor allem Liebe – sehnte, konnte ich die nächsten Tage an nichts mehr anderes denken als das, was ich in dieser Folge der genannten Serie, dessen Name mir in Vergessenheit geraten ist, gesehen habe. Groß war die Angst davor, von meinen Emotionen überflutet werden zu können, noch größer aber die Sehnsucht nach ihnen. Also setzte ich mich vor einen Spiegel, mit der Stoppuhr neben mir auf dem Boden liegend, begann auf den Start-Knopf zu drücken und sah mir das erste Mal für zwei Minuten in die Augen…

Heute kann ein freier, entschleunigter Morgen an einem Tag ohne Verpflichtungen schonmal dazu führen, dass ich erst um 16 Uhr fertiggemacht bin. Mir selbst lange in die Augen schauen zu können, ist für mich die entspannteste Zeit am Tag, die ich nicht mehr missen möchte, nachdem ich etwa dreiunddreißig Jahre gebraucht habe, um es endlich zu können. Wann hat man sonst die Möglichkeit, sich selbst so lange in die Augen zu schauen, sich selbst wahrzunehmen? Den ganzen Tag schauen wir auf andere Dinge, nehmen unsere Umgebung, andere Menschen – wenn auch nicht immer bewusst – wahr, schenken diesen externen Dingen Aufmerksamkeit. Aber sich selbst mal in Ruhe wahrzunehmen, die Aufmerksamkeit zu schenken, die man nur anderen Menschen einräumte… Wann haben wir sonst in dieser immer schnelllebigeren Welt täglich die Zeit, uns selbst so intensiv Aufmerksamkeit zu schenken, wenn nicht beim Fertigmachen?

Ein Gänsehaut-Erfolgsmoment im Kampf gegen meine Depression, den ich mir nun selbst jeden Tag schenken und genießen darf.

Lange, von Selbstzweifeln geplagt, die in meiner eigenen Biografie Begründung finden, konnte ich anderen Menschen, geschweige mir nicht selbst in die Augen sehen. Zu groß war die Angst davor, sie würden erkennen, wer ich bin und was ich erlebt habe. Zu groß war die Angst davor, ich könnte Ablehnung erfahren, wenn sie wirklich wüssten, wie ich wirklich bin.

Heute habe ich endlich Frieden mit diesem Gedanken geschlossen und mache mir das größte Geschenk, dass ich als Liebhaberin von Sprache selbst machen kann: Ich schreibe über meine Gedanken, mein Leben, mich selbst.
Und da ich endlich gesehen habe, wer ich wirklich bin, kann ich es kaum erwarten, mich der Welt zu zeigen.

©fragmentemeinerdepression

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