„Papa, glaubst du, Mama hat mich geliebt? – die Frage, deren Antwort ich lange nicht kennen wollte, doch nun die Wahrheit fand (Gespräch im Juni 2026)

Seit meiner Entlassung aus meinem mehrwöchigen Klinikaufenthalt im letzten Spätherbst mache ich einen solch stabilen Eindruck, dass meine Therapeutin und ich uns in der letzten Sitzung an die systematische Sammlung meiner Traumata heranwagten. Ich erzählte ihr von einer Situation, die ich glaube, etwa im Alter von drei Jahren erlebt zu haben und fragte verzweifelt und unsicher: „Glauben Sie, dass man sich an Erlebnisse, zu deren Zeitpunkt man etwa drei Jahre alt gewesen ist, erinnern kann? Oder muss ich mir das ausgedacht haben?“ „Aufgrund der Details, die nur Sie und die andere besagte Person kennen können und diese Person sich nicht selbst in Teufels Küche bringen wollen und einer anderen Person davon erzählt haben wird, denke ich nicht, dass Sie sich das ausgedacht haben. Das wird so stimmen, auch wenn es grauenhaft ist. Man geht nicht davon aus, dass Erlebnisse, zu deren Zeitpunkt man etwa drei Jahre alt ist, besonders präsent sind und solche Erinnerungen sind selten. Aber in der Psychotherapie hat sich bisher auch nicht selten gezeigt, dass besonders belastende Erfahrungen – wie diese – nicht vergessen werden.“ Okay, das wird wohl stimmen. Ich bilde mir das nicht ein, auch wenn ich wünschte, ich würde es.

Im Laufe dieser Sitzung sagte sie zum weiteren Vorgehen bei der Sammlung meiner Traumata, dass man auch belastende Erfahrungen aufnehmen dürfe, an die man sich zwar selbst nicht mehr erinnere, die man aber von anderen Menschen, die jene Situation miterlebt haben, erzählt bekommen hat. Auf dem Weg nachhause drängte sich immer wieder sehr penetrant die kleine Erinnerung auf, mal irgendwann von irgendwem gehört zu haben, dass ich es meinen Eltern von Geburt an nicht einfach gemacht hätte. Da musste ich noch einmal bei meinen Eltern erfragen, wie das genau zu verstehen gewesen sei. Zu meiner Mutter habe ich nun wieder etwa drei Jahre lang keinen guten Kontakt (man sieht sich hier und da mal, wenn man denn muss) und zu Papa ist die Kommunikation bei WhatsApp ganz in Ordnung, seitdem auch er im Winter letzten Jahres sich zum wiederholten Male dazu entschieden hat, sich seinen Dämonen zu stellen.

„Papa, hatte ich als Baby Koliken? Oder was genau?“, ich kam direkt ohne Vorankündigung zur Sache, ohne dass meine Angst auch nur eine Millisekunde die Chance hatte, mein Vorhaben zu bremsen. „Hey, ich glaube schon, dass du Koliken hattest.“ „War ich ein Schreikind? Haha“, scherzte ich, um die Relevanz dieses Gespräches meinem Vater gegenüber zu relativieren und mich selbst ein wenig zu beruhigen. „Ja, warst du!“, antwortete er, und verzierte seine Antwort mit zwei Smileys, die einen sehr gequälten Gesichtsausdruck trugen. „Wie kamen Mama und du damit zurecht? Mama würde mich vor allem interessieren“, gab ich vorsichtig zu. „Frag die Mama. Ich sage nur, dass sie absolut keine Geduld mit dir hatte.“ Mist, ich hatte ihn verloren. Ich wusste, dass er an der Stelle zumachen würde. Wir sind uns zu ähnlich. Noch einmal fasste ich all meinen Mut zusammen und setzte den Chat fort: „Nein, Papa. Ich habe keinen Kontakt zu ihr. Erzähl mir das bitte, das hilft mir, Sachen zu verstehen. Bitte sag mir einfach die Wahrheit, das hilft mir.“ Nachdem ich gefühlt eine halbe Ewigkeit auf den Bildschirm starrte, sah ich endlich, wie er anfing zu tippen. Er tippte unheimlich lange. „Sie wusste sich nicht zu helfen und hat dich immer wieder liegen gelassen und geschrien. Ich habe mir den Kinderwagen an den Fuß gebunden, um dich hin und herzuschieben und gleichzeitig liegen zu können, ich hatte keine Kraft mehr.“ Hmmm. „Hat sie mich als Baby auf den Arm genommen? Bei meiner Schwester war das anders, oder? Hat sie mich angeschrien und verflucht oder über die Situation geschrien?“, stocherte ich nach. Ich wollte einfach jede Einzelheit analysieren und verstehen. „Über die Situation, ich weiß es nicht mehr genau“, antwortete Papa. „Papa. War das bei meiner Schwester anders?“, schickte ich ab. Ich zögerte kurz, doch tippte dann, ohne lange zu überlegen, DIE Frage hinterher: „Glaubst du, Mama hat mich geliebt, als ich ein Baby war, oder konnte sie es nicht, weil sie selbst überfordert war?“ Es ging in dem Moment alles so schnell, ich kann mich kaum daran erinnern, wie ich mich dabei gefühlt habe, als ich die Frage, die ich mir mein Leben lang schon oft gestellt habe, aber nicht zu stellen getraut habe, weil man seinen Eltern nicht vorwürfen dürfe, sie könnten einen nicht lieben, nun stellte. Aha, er las den blauen Haken zufolge die Nachricht, antwortete aber nicht. Angst davor, keine Antwort zu bekommen, schickte ich zwei Fragezeichen und ein „Papa?“ hinterher. „Mit einer Antwort würde ich endlich Frieden bekommen, Papa, auch wenn die kacke ist“, bat ich ihn flehend. Endlich fing er an zu tippen. Er tippte unheimlich lange, verschickte aber dann eine Antwort in einem Umfang, den ich mir angesichts der Zeit, die er gebraucht hat, deutlich länger vorgestellt habe: „Deine Schwester war ruhiger als Kind. Ich glaube sie war überfordert mit dir. Wir haben nur in einem Zimmer gewohnt. Zum Thema Liebe kann ich mich nicht äußern, das ist personenbezogen. Das kann nur deine Mutter beantworten.“

Zwei Sekunden starrte ich auf den Chat. Ich hatte meine Antwort. Ruhig beendete ich das Gespräch mit einem „Danke, Papa!“. „Mit dir ist alles in Ordnung“, flüsterte ich mir ruhig zu. Noch bevor ich denken oder fühlen konnte, hatte ich nicht die Chance, meine Eltern davon zu überzeugen, dass ich liebenswert bin.

©fragmentemeinerdepression

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