Im Alter von etwa 13 Jahren gab meine Mutter mich nach einem Gespräch im Büro mit einer Frau vom Jugendamt – ich weiß nicht mehr genau, wie sie aussah… ich erinnere mich nur noch daran, dass sie eine braune Brille und brünettes, kinnhohes Har mit einem Pony trug – erleichtert, mitsamt meinen wichtigsten Sachen, in einer Kinder- und Jugendschutzstelle in einem anderen Teil unserer Stadt ab. Genügend Entfernung, um sich nicht auch nur zufällig über den Weg laufen zu können.
[Der Text befindet sich noch in Arbeit. Ich wollte euch aber schon einmal einen Einblick geben, woran ich arbeite] ❤
Man beschrieb mich als „schwer erziehbar, impulsiv, aggressiv“. Meine Sicht der Dinge wurde nie erfragt. Nicht ein Polizist, ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin des Jugendamtes noch jemand der in meiner neuen Unterkunft Soziale Arbeit Studierenden, die sich mit der Bewachung unseres Umgangs mit den Regeln ein wenig Geld verdienten, erfragte auch nur ein Mal meine Sicht. Nun gut, ich war ja auch erst 13 Jahre alt. Achja, und sowieso schwer erziehbar, impulsiv, aggressiv – wie eine tickende Zeitbombe. Meine Mutter halte es mit diesem Kind nicht mehr aus. Ein bisschen Abstand würde uns guttun. Ein bisschen Abstand würde meiner Mutter guttun. Die Reflexion meines Verhaltens würde mir guttun.
Aus Sicht meiner Eltern hätte mir ein wenig Reflexion meines Verhaltens gutgetan, dafür blieb mir in meinem neuen Quartier nicht viel Zeit. Zu beschäftigt war mein Gehirn mit den Erzählungen der anderen – ich finde die Bezeichnung „Schattenkinder der Gesellschaft“ – irgendwo habe ich die Bezeichnung schon einmal gehört; der Titel eines Romans? – trifft den Nagel eigentlich ganz gut auf den Kopf – Miteinquartierten. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, zu stark war die Konfrontation beim ersten Abendessen der Schattenkinder und mir, dem neuen Schattenkind, mit Themen und Fragen, für die mein Gehirn zu dem Zeitpunkt einfach noch zu jung gewesen ist.
Kommen wir aber erst einmal kurz zurück zum „Schwer-erziehbar-Sein“-Gerücht. Abgesehen davon, dass es sowieso schwer verifizierbar gewesen sein muss, ob ich wirklich schwer erziehbar war, denn seit der Scheidung unserer Eltern war Mama nur stichprobenartig zuhause – immer dann eben, wenn sie mit einem ihrer proletenhaften Macker wieder Stress hatte. So lange hielt ich zuhause die Stellung. Insofern war ich schwergenommen erziehungslos, genauer: erziehungsberechtigtenlos. Heute, etwa zwanzig Jahre später, frage ich mich als erwachsene Person (dass ich trotzdem ein gebrochenes inneres Kind habe ist offensichtlich): Welches Kind würde nicht anfangen zu rebellieren, gegen Regeln zu verstoßen, das Rauchen ausprobieren, sich mit anderen Kindern auf der Straße zusammentun und perspektivenlos in den Straßen herumlungern, wenn es in einem Zuhause wohnt, das kein Zuhause mehr war? Anlass für meinen Rauswurf war eine Nacht, in der ich wieder einfach dann nachhause gekommen bin, wann mir nach meinem Rummlungerstreifzug mit meinen Gleichgesinnten danach war. Dass Mama ausgerechnet an dem Abend besonders heftig mit ihrem proletenhaften und widerlichen Macker gestritten hatte, konnte ich in der Nacht ja nicht ahnen.
Nun gut, da saß ich jetzt im Kreise der Schattenkinder bei unserem ersten Schattenkinder-Abendessen. „Und eure Eltern so?“, fragte die kurvige, brünette, langhaarige 16-Jährige. Für mich wirkte sie irgendwie amazonenhaft. „Meine sind heroinsüchtig, deswegen wohne ich schon seitdem ich drei war, nicht mehr bei denen…“, sagte ein etwa 14-jähriges Mädchen in schwarzer Montur mit schwarzer, gotischer Gesichtsbemalung ihr Müsli essend. Dieses Mädchen sollte eigentlich meine Zimmernachbarin sein, ist aber in derselben Nacht mit dem Zug nach Frankfurt abgehauen und nach einer Vermisstenmeldung durch unsere Schattenkinder-Unterkunft von der Polizei abgeholt worden. Seitdem habe ich sie nie wieder gesehen. Ich hoffe, es geht ihr gut. Die 16-jährige richtete ihren Blick auf mich: „Und deine?“ Ich wollte nicht so viel erzählen, zu erschlagen war ich noch von der mich überflutenden Realität, nun ein Schattenkind zu sein. „Ah, eine Huren-Mutter eben. Mehr Augen für Männer als ihre eigenen Kinder!“, kommentierte sie. „Meine Mutter war noch sehr jung, als sie mich bekam. Es ist nicht einfach als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern, die nun in die Pubertät kommen…“, entgegnete ich leise. Sie ignorierte meinen Kommentar.
Je mehr ich mich traute, Menschen meine Geschichte zu erzählen, desto öfter höre ich natürlich die Frage: „Boah hast du 22 Bahnen gesehen? Das Mädchen darin erinnert mich voll an dich“. „Ja, habe ich gelesen und auch im Kino gesehen. Ich weiß“, entgegne ich immer gefasst. Natürlich habe ich diese Parallele festgestellt und natürlich habe ich auch schon öfter davon gehört. Nur dass mein Leben nicht ein Buch und schon lange kein Kinofilm ist, sondern mein verdammtes Leben! Mein Leben hat noch nie jemand einen „Bestseller“ genannt. Gut, ich habe schon von meinen Engsten ironisch gemeinte – aber mit ein wenig Wahrheit versehene – Kommentare erhalten, mein Leben müsse man in einem Buch oder einem Film erzählen… nun, here we are. Aber ja, natürlich habe ich mich auch von dem Buch und dem Film aufgrund der Identifikationsmöglichkeit sehr eingenommen gefühlt und es hat sicherlich etwas zu meinem Genesungsprozess beigetragen.
Aber jetzt zurück zu meinem Schattenkinder-Abendessen. Wenn man so viele Gedanken im Kopf hat wie ich, ist es manchmal schwierig, bei einem Thema zu bleiben. I hope you feel me.
©fragmentemeinerdepression
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